Herzensangelegenheiten

Die Konfrontation mit altersbedingten Herz-Kreislauf-Problemen war in Zeiten niedriger durchschnittlicher Lebenserwartung für Hämophiliepatienten in der Regel kein Thema. Das Älterwerden ist für Menschen mit Hämophilie eine neue, positive Entwicklung – trotz aller möglichen Herausforderungen, die es mit sich bringt.

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Gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam können Sie diese aber meistern. Die Aufdeckung von Risikofaktoren in Verbindung mit vorbeugenden Maßnahmen, wie gesunder Ernährung und Bewegung, spielt dabei eine große Rolle. Diese wichtigen Aspekte einer gesunden Lebensführung zum Erhalt der Herzgesundheit standen bei vielen Hämophilie-Patienten und deren Ärzten im Hämophilie-Zentrum bisher nicht im Mittelpunkt. Heute ist es aber dank der gestiegenen Lebenserwartung und besseren medizinischen Grundversorgung an der Zeit, sich näher damit auseinanderzusetzen.


Über den Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Hämophilie haben viele Experten in den vergangenen Jahren intensiv diskutiert. Inzwischen geht die überwiegende Mehrheit davon aus, dass Patienten mit Hämophilie ein geringeres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall haben. Insbesondere bei schwerer Hämophilie treten tödliche und nichttödliche ischämische (mit einer Mangeldurchblutung einhergehende) Herz-Kreislauf-Erkrankungen seltener auf als in der allgemeinen Bevölkerung.1

Dennoch haben kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes Einfluss auf die Herzinfarktgefahr – allerdings in geringerem Maße. Diese typischen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten deshalb gesenkt werden, falls erforderlich am besten, bevor Folgeerkrankungen überhaupt auftreten. Bei Patienten mit Hämophilie und HIV-Infektionen muss zudem von einem erhöhten kardiovaskulären Risiko durch die antiretrovirale Therapie der Infektion ausgegangen werden.1

Körperliche Bewegung – ein wichtiger Beitrag, um das Herz gesund zu halten – ist aufgrund der Gelenkschmerzen, der Behinderung durch chronische Arthritis und der Angst vor Verletzungen mitunter vielleicht schwierig. Dennoch kann Ihr Hämophilie-Behandlungsteam Ihnen helfen, ein auf Sie abgestimmtes Bewegungsprogramm zu erarbeiten.

Auch bei Menschen ohne Hämophilie können einige Risikofaktoren medikamentös verringert werden, z. B. durch Einstellung von Blutdruck und Blutzucker und Senkung des Cholesterinspiegels.

Die Anwendung von Acetylsalicylsäure (ASS) kann bei Hämophilie jedoch problematisch werden, da sie das Blutungsrisiko erhöht. Darum dürfen Acetylsalicylsäure oder andere Medikamente mit hemmender Wirkung auf die Blutplättchen nur in enger Abstimmung mit Ihrem Hämophilie-Behandlungsteam eingenommen werden.

Genau dieser Dialog zwischen Ihnen und den Fachleuten ist besonders wichtig, denn Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Zusammenhang mit Hämophilie sind für alle Beteiligten relatives Neuland. Sie sind dabei die Schlüsselfigur: Fördern Sie diesen Austausch und beteiligen Sie sich aktiv daran!


Wer weiß, was seinem Herzen schadet, kann das Auftreten von Problemen verhindern oder hinauszögern. Heute geht man davon aus, dass die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Patienten mit Hämophilie dieselben sind wie bei allen anderen Menschen und deshalb nicht unterschätzt werden dürfen.

Diese Risikofaktoren sind das Lebensalter, Bluthochdruck (arterielle Hypertonie), Diabetes, HIV-Infektionen und erhöhte Blutfette.

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Lebensalter

Jeder Anstieg um zehn Jahre ist mit einem etwa zweifachen Anstieg des Risikos verbunden – sowohl für ischämische Herzkrankheiten, die von Durchblutungsstörungen gekennzeichnet sind, als auch nicht-ischämische Herzkrankheiten wie z. B. Herzrhythmusstörungen2

 

Blutdruck

Bluthochdruck scheint bei Patienten mit Hämophilie sogar besonders häufig aufzutreten. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit Nierenerkrankungen und früheren Episoden von schwerer Hämaturie (Blut im Urin). Studien weisen darauf hin, dass bei Hämophilen ein deutlicher Zusammenhang zwischen Hypertonie und einem 5,4-fach höheren Risiko für ischämische Herzkrankheit besteht bzw. einem 3-fach höheren Risiko für nicht-ischämische Herzkrankheit.2 Welche Ursachen, Anzeichen, Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wie betroffene Patienten mit dem erhöhten Blutdruck richtig umgehen, erläutert der kompakte Ratgeber „Bluthochdruck & Hämophilie – Symptome, Diagnose und Therapie“. Diesen können Sie hier bestellen.

 

Diabetes

Diabetes Typ 2 ist in allen Bevölkerungsgruppen ein erheblicher Risikofaktor für eine ischämische (mit einer Mangeldurchblutung einhergehende) Herzkrankheit. Das Risiko für Diabetes Typ 2 steigt mit zunehmendem Lebensalter – ganz unabhängig von der Hämophilie. Darüber hinaus sind die Folgen des Diabetes in der älteren Bevölkerung wesentlich schwerwiegender. Bei Männern mit Hämophilie besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Diabetes Typ 2 und einem 3,2-fach höheren Risiko für ischämische Herzkrankheiten.2

 

HIV

HIV-Infektionen sind Berichten zufolge mit einer Erhöhung des Risikos für Herzkrankheiten verbunden, zu denen Herzrhythmusstörungen oder Herzinsuffizienz (Herzschwäche) zählen.2


Wissenschaftliche Fachgesellschaften empfehlen für die allgemeine Bevölkerung eine Routineuntersuchung auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits ab einem Alter von 20 Jahren. Bei Personen mit Hämophilie gilt diese Empfehlung ebenfalls3.

Als Betroffener sollten Sie darauf achten, dass wenn nötig eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Hämophilie-Behandlungszentrum und einem Kardiologen stattfindet. Dies ist für die optimale Behandlung und Prävention kardiovaskulärer Krankheiten äußerst wichtig.


Die zentrale Herausforderung bei der Behandlung von Herz-/Kreislauf-Erkrankungen bei Hämophilen sind das Blutungsrisiko einerseits und das Risiko von Verengungen und Blutgerinnseln etwa in den das Herz versorgenden Gefäßen andererseits.

Das Hauptziel der Behandlung ischämischer (mit einer Mangeldurchblutung einhergehender) Herzkrankheiten ist die Verhinderung oder Verzögerung der fortschreitenden Arterienverkalkung (Atherosklerose). Das kann durch die Veränderung der Lebensweise und der Ernährungsgewohnheiten sowie ggf. durch medikamentöse Behandlung, wie z.B. mit Lipidsenkern (Blutfettsenkern), geschehen. Sollten Sie ein hohes Risiko für ischämische Herzkrankheiten in sich tragen oder bereits Symptome zeigen, werden Sie möglicherweise mit Thrombozyten-Aggregationshemmern behandelt. Solche Arzneimittel können allerdings das Blutungsrisiko bei Hämophilie erhöhen. Ihre Anwendung kann die gleichzeitige Verabreichung von Gerinnungsfaktoren notwendig machen, ebenso wie die engmaschige klinische Überwachung und Unterstützung durch einen Kardiologen.4

 

Familiäre Vorgeschichte entscheidend

Für das Gespräch mit dem Hämophilie-Behandlungsteam zu Ihren Behandlungsmöglichkeiten ist es wichtig, dass Sie eine genaue Kenntnis Ihrer familiären Vorgeschichte haben. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind teilweise genetisch festgelegt. Außerdem brauchen die Ärzte eine genaue Aufzeichnung des Blutdrucks und der Begleitkrankheiten, wie Diabetes oder Bluthochdruck. Diese können dann vom Internisten oder Hausarzt des Patienten behandelt oder überwacht werden.

Durch die genaue Erfassung und das Management von Risikofaktoren kann die Wahrscheinlichkeit, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln, erheblich verringert werden. Ein weiteres wichtiges Thema, das im Gespräch mit dem Behandlungsteam besprochen werden sollte, ist die Veränderung der Lebensweise. Mit einer gesunden Lebensweise kann das Risiko generell gesenkt werden.


Glücklicherweise stehen uns heutzutage verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, um die Risiken für eine Herz-/Kreislauferkrankung deutlich zu senken. Zwar sind bestimmte Risikofaktoren wie fortgeschrittenes Lebensalter, männliches Geschlecht und familiäre Vorbelastung nicht zu ändern.

Als Mensch mit Hämophilie können Sie aber durch Ihre Lebensführung viel für Ihre Herzgesundheit tun. Sie können mit dem Rauchen aufhören (falls Sie es tun), regelmäßig Sport treiben, auf cholesterinarme Ernährung achten sowie Übergewicht, Stress und Alkoholkonsum vermeiden.

 

Rauchen

Rauchen ist generell der wichtigste vermeidbare Risikofaktor: Raucher haben ein zwei- bis vierfach höheres Risiko für ischämische Herzkrankheiten als Nichtraucher.5. Schon ein Jahr nach Beendigung des Rauchens ist das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall nur noch halb so hoch wie bei Rauchern. 5 bis 15 Jahre nach der Entwöhnung ist das Risiko für derartige Ereignisse genauso hoch wie für Personen, die noch nie geraucht haben.

 

Bluthochdruck

Bluthochdruck stellt eine zusätzliche Belastung für das Herz dar und geht mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und Herzinsuffizienz einher6. Mögliche Veränderungen der Lebensführung sind Gewichtsabnahme, Sport, natriumarme (d. h. salzarme) Ernährung, reduzierter Alkoholkonsum und vermehrter Verzehr von Obst, Gemüse und fettarmen Milchprodukten. Für manche Patienten kommt eine medikamentöse Therapie infrage, wenn die Änderungen der Lebensführung nach 6 bis 12 Monaten keine Wirkung zeigen.

 

Cholesterinspiegel

Ein hoher Cholesterinspiegel im Blut erhöht das Risiko für ischämische Herzkrankheiten. In Verbindung mit Bluthochdruck und Rauchen wird dieses Risiko weiter gesteigert6.

 

Bewegungsmangel und Übergewicht

Bewegungsmangel und Übergewicht sind ebenfalls gefährlich. Das Risiko für Herzkrankheiten kann allerdings bereits durch eine Gewichtsabnahme von 5 kg gesenkt werden6. Sollten Sie Sport treiben wollen, liegt das Ziel bei mindestens 30 Minuten gemäßigter körperlicher Bewegung an den meisten Tagen der Woche. Sprechen Sie für die Erstellung eines individuellen Fitnessprogramms mit einem auf Blutgerinnungsstörungen spezialisierten Physiotherapeuten.

 

Diabetes

Diabetes erhöht das Risiko für Herzkrankheiten und Schlaganfall, vor allem wenn der Blutzucker nicht kontrolliert wird7. Ideal ist ein morgendlicher Blutzuckerwert (nüchtern) von weniger als 110 mg/dl und ein HbA1c unter 7 Prozent7. Als erste Schritte zu diesem Ziel werden eine Ernährungsumstellung, Gewichtsnormalisierung und Sport vorgeschlagen. Wenn das alleine nicht reicht, die o. g. Zielwerte zu erreichen, kann die Einnahme blutzuckersenkender Mittel und die Anwendung von Insulin erforderlich werden. Die Behandlung anderer Risikofaktoren, wie arterielle Hypertonie und Cholesterin, kann ebenfalls Einfluss auf einen Diabetes haben.

1 H. Eichler et al. Älter werden mit Hämophilie, Trias Verlag 2019
2 Kulkarni R et al. Am J Hematol. 2005;79(1):36-42
3 American Heart Association Heart-Health Screenings. (2019). Available at: https://www.heart.org/en/health-topics/consumer-healthcare/what-is-cardiovascular-disease/heart-health-screenings
4 Nationale Versorgungsleitlinie Chronische Koronare Herzkrankheit (KHK); 5. Auflage, 2019; Version 1, AWMF-Register-Nr.: nvl-004
5 Wu J and Sin DD Int J Chron Obstruct Pulmon Dis. 2011;6:259–267
6 American Heart Association Understand Your Risk of Heart Attack. (2019). Available at: https://www.heart.org/en/health-topics/heart-attack/understand-your-risks-to-prevent-a-heart-attack
7 Pearson TA et al. Circulation. 2002;106(3):388-91