Ihre Gelenkgesundheit im Alter

Als Betroffener sind Sie sicherlich mit einem der typischen Symptome der Hämophilie vertraut: gemeint ist die sogenannte „Hämarthrose“, als Folge wiederholter Einblutungen in die Gelenke. Bei schwerer Hämophilie tritt die erste Episode einer Gelenkblutung in der Regel schon im Säuglings- oder Kleinkindalter auf, bei mittelschwerer Hämophilie oft auch erst später.

Insbesondere sind Menschen mit Hämophilie von Hämathrosen betroffen, die älter als 50 Jahre sind und nicht von einer frühzeitigen Prophylaxe profitieren konnten. Bei ihnen stellen daraus resultierende, langfristige Gelenkkomplikationen und chronische Schmerzen die wesentlichen Herausforderungen dar. Deshalb ist die Gesundheit der Gelenke ein wesentlicher Aspekt des Älterwerdens, der besondere Beachtung verdient.


Eine akute Hämarthrose entsteht, wenn Einblutungen zu Schwellungen innerhalb oder in der Umgebung eines Gelenks führen. Folgen der Hämarthrose sind die chronische Entzündung der Gelenkinnenhaut (= Synovitis) und eine degenerative Gelenkentzündung (= Arthritis). Dadurch wird der Gelenk-Knorpel zunehmend angegriffen und die Knochendichte nimmt ab. Dies führt zu Verengungen des Gelenkspalts, einer Störung der Gelenkfunktion und zu erheblichen chronischen Schmerzen.  (= hämophile Arthropathie).
Eine Gelenkblutung kann durch eine kleine Verletzung ausgelöst werden. In vielen Fällen liegt jedoch keine erkennbare Verletzung vor, diese Blutungen werden als „spontan" bezeichnet. Spontane Blutungen kommen am häufigsten in Sprung-, Knie- und  Ellbogengelenken vor, gefolgt von Fußgelenken sowie Schulter- und Hüftgelenken. Eine Blutung kann aber prinzipiell in jedem Gelenk auftreten.
Wiederholte Blutungen in einem Gelenk können zur Entwicklung eines sogenannten „Zielgelenks“ führen. Durch häufige Blutungen in ein Gelenk kommt es zu starken Reizungen und einer chronischen Entzündung der Gelenk-Innenhaut (= Synovitis).
Wenn sich Gelenkblutungen fortsetzen, wird die Gelenk-Innenhaut zunehmend empfindlicher und weist eine größere Zahl von Blutgefäßen auf, wodurch sich das Risiko für Blutungen in das Gelenk weiter erhöht. Die vermehrten Blutungen verstärken wiederum die Synovitis, chronische Schmerzen führen zu einer Bewegungseinschränkung und einer Abnahme der Gelenk-stabilisierenden Muskulatur, was die Blutungsbereitschaft weiter erhöht. Wir haben es hier also leider mit einem Teufelskreis zu tun.

Die am häufigsten von Hämarthrosen betroffenen Gelenke:

  • Sprunggelenk
  • Knie
  • Ellenbogen
  • Schulter
  • Hüfte

Wahrscheinlich sind Sie als älter werdender Hämophiler leider mit den Zeichen und Symptomen vertraut, die mit einer Hämarthrose einhergehen. In der Praxis ist es jedoch nicht immer ganz einfach, zwischen einer akuten Gelenkblutung oder den chronischen arthritischen Schmerzen bei fortgeschrittener Gelenkerkrankung zu unterscheiden. Dies nimmt im Alter zu und gilt besonders für Patienten, bei denen mehrere Gelenke betroffen sind.

Bei schweren oder wiederkehrenden Gelenkblutungen wird das Behandlungsteam eine sehr gründliche Untersuchung durchführen. Wichtig hierfür sind Ihre selbst berichteten Symptome und die körperliche Untersuchung. Falls ein chirurgischer Eingriff infrage kommt, sollte ein orthopädischer Chirurg hinzugezogen werden. 

Die klassischen, ersten Symptome einer akuten Gelenkblutung sind:

  • Schmerz
  • Erwärmung
  • Druckschmerzempfindlichkeit des betroffenen Gelenks
  • Schwellung

Bei einer Blutung ist die Beweglichkeit des Gelenks durch Schmerz und Schwellung eingeschränkt. Viele halten das betroffene Gelenk in einer leicht angewinkelten Schonhaltung, um Schmerzen zu vermeiden. Schon bei Auftreten der ersten Symptome sollte sofort das Gerinnungskonzentrat gespritzt werden.  

Eine chronische Synovitis ist dagegen häufig weniger schmerzhaft als die akute Hämarthrose. Die heftigen Schmerzen bei einer akuten Gelenkblutung treten sehr rasch auf, die Schmerzen bei der chronischen Synovitis eher verzögert und besonders bei Belastung des betroffenen Gelenks. Die Beweglichkeit des Gelenks ist nicht in jedem Fall eingeschränkt. Bei älteren Patienten treten jedoch akute Blutungen häufig zusammen mit einer bereits bestehenden Synovitis und Arthritis auf. In dieser Situation ist es nicht immer möglich, die Ursache der akuten Beschwerden genau zu bestimmen. Nicht zuletzt ist die degenerative Arthritis durch Knorpelverluste und knöcherne Gelenkverformungen gekennzeichnet, die wiederum zu Blutungen, chronischen Entzündungen und weiterer Knorpelzerstörung führen.

Zur Klärung der Ursachen der Beschwerden und für weitere Therapie-Entscheidungen können bildgebende Untersuchungen erforderlich sein, wie Röntgen, Ultraschall und Kernspintomografie.

Unbehandelt kann sich die Gelenkfunktion aufgrund der chronischen Entzündung der Gelenk-Innenhaut, der fortschreitenden Knorpel- und Knochenschädigung sowie anderer Vorgänge rasch verschlimmern. Es ist also wichtig, Gelenkblutungen und -entzündungen bestmöglich zu behandeln.
Einen detaillierten Überblick über die aktuellen Maßnahmen finden Sie hier .

Können Gelenkblutungen verhindert werden?

In vielen Ländern wird häufig eine lebenslange Prophylaxe mit Gerinnungsfaktoren durchgeführt. Grundsätzliches Ziel ist es, den sogenannten „Tal-Spiegel“, also die niedrigste gemessene Aktivität des zugeführten Gerinnungsfaktors, zwischen den einzelnen Dosen möglichst oberhalb eines bestimmten Schwellenwerts zu halten, meist über 1 %.
Für Kinder mit Hämophilie gilt die primäre Prophylaxe mit Faktor-Konzentrat als beste Behandlungsmaßnahme. Dabei wird die erste Behandlung bereits im frühen Kindesalter empfohlen (für gewöhnlich vor oder kurz nach der ersten Gelenkblutung). Leider stand die Prophylaxe bei der Mehrzahl der älteren hämophilen Erwachsenen in ihrer eigenen Kindheit noch nicht zur Verfügung. Diese Patienten – und damit womöglich auch Sie – sind nun von Gelenkerkrankungen als Folge von Blutungen betroffen.

Ältere Hämophile leiden deshalb auch öfter unter chronischen Schmerzen und einer eingeschränkten Mobilität. Bei ihnen wird häufig eine sogenannte „sekundäre Prophylaxe“ angewendet, die auch als „verzögerte Prophylaxe“ bezeichnet wird.
Eine sekundäre Prophylaxe bringt gegenüber der frühen primären Prophylaxe leider nur einen begrenzten Nutzen. Bereits bestehende Gelenkschädigungen können nicht rückgängig gemacht werden. Der Start einer Prophylaxe in höherem Lebensalter führt – wie aktuelle Studien gezeigt haben – jedoch zu einer drastischen Reduktion von weiteren Blutungen1.

Damit verbunden  kann sie  zur Verbesserung der körperlichen Funktion und der Lebensqualität führen.

Eine degenerative Arthritis ist eine chronische Krankheit, die mit höherem Lebensalter bei Hämophilen häufiger auftritt.

Typischerweise schreitet sie so voran:

  • Entzündungsprozesse führen unbehandelt zu einer Schädigung der Gelenk-Innenhaut (Synovia) und des Knorpels. In der Folge entsteht dann Narbengewebe und es kommt zum Abbau des schützenden Knorpels, der den Gelenk bildenden Knochen umgibt.
  • Das nächste Stadium der Entwicklung einer Arthropathie ist die chronische Synovitis, d. h. die Entzündung der Gelenkinnenhaut oder Synovialmembran, die das Gelenk auskleidet. Zu den Symptomen einer chronischen Synovitis zählt die anhaltende Gelenkschwellung, die leicht, mittelschwer oder schwer ausgeprägt sein kann. Die Blutung hört meist bereits nach einer Gabe des Gerinnungspräparates auf.  Die schmerzhafte  Schwellung jedoch kann infolge der zugrunde liegenden chronischen Entzündung noch andauern.
  • In vielen Fällen führen wiederkehrende Blutungen und die chronische Entzündung im selben Gelenk zu einem Teufelskreis (Blutung – Entzündung – Blutung – Entzündung). Auf diese Weise entwickelt sich ein Zielgelenk.
  • Hämophile Arthritis entsteht als Folge der anhaltenden chronischen Synovitis. Die Dauer ihrer Entwicklung kann von Person zu Person variieren. Man spricht in der Regel von einem arthritischen Stadium, wenn die Synovitis länger als sechs Monate andauert.

Der nachfolgende Gelenkverschleiß, der auch den Verlust von Knorpelgewebe einschließt, ist oft mit bereits in Ruhe auftretenden Schmerzen und funktioneller Beeinträchtigung verbunden. Wenn ein Gelenk dieses Stadium erreicht, ist die Gelenkinnenhaut bereits zerstört.

Bei der Vorbeugung einer hämophilen Arthritis können folgende Maßnahmen helfen:

  • Gezielte Patienten-Schulungen
  • Regelmäßige Untersuchung des Bewegungsapparates im Rahmen der Besuchstermine im Hämophiliezentrum
  • Ermitteln möglicher Ursachen für die andauernde chronische Synovitis
  • Anpassung des Verhältnisses zwischen Ruhe und Aktivität
  • Angepasstes Schuhwerk insbesondere bei bereits eingetretenen Fehlstellungen
  • Medikamentöse Behandlung

Das Zusammenspiel o.g. Maßnahmen, eine auf das individuelle Beschwerdebild angepasste Prophylaxe mit Faktor-Konzentrat und die sofortige Behandlung von Gelenkblutungen können dazu beitragen, die Entstehung und Auswirkungen der chronischen Synovitis zu begrenzen.

Die Behandlung der chronischen Gelenkentzündung zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und das Fortschreiten der Gelenkerkrankung zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Insgesamt lässt sich dadurch die Lebensqualität deutlich verbessern.

Mehr über die Behandlungsmöglichkeiten bei Gelenkerkrankungen erfahren Sie hier.

Gespräch mit dem Behandlungsteam

Wichtig ist, dass Sie in jedem Stadium von Gelenkproblemen immer das offene Gespräch mit ihrem Arzt und dem Hämophilie-Behandlungsteam suchen. Ihr Team von Spezialisten verfügt über die nötige Fachkompetenz, um Behandlungspläne auf Ihre speziellen Bedürfnisse abzustimmen.

Falls Sie von Gelenkschmerzen betroffen sind, wissen Sie, wie stark diese Schmerzen die Lebensqualität beeinträchtigen und den Alltag einschränken. Doch nicht nur das: Chronische Schmerzen wirken sich auch massiv auf die Psyche aus. Viele Hämophile, die an chronischen Schmerzen leiden, haben mit Stress, Depressionen, Angst und Wut zu kämpfen. Manche von ihnen sind zudem körperlich wenig aktiv, aus Angst, die Beschwerden zu verstärken. Die Folgen sind mangelnde Fitness und andere, nicht unmittelbar durch die Hämophilie bedingte gesundheitliche Probleme.

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt  über Ihre Schmerzen und finden Sie gemeinsam die für Sie geeignete Therapie.

Hier finden Sie einige Strategien des Schmerz-Managements, die sich bei hämophilen Patienten als wirksam erwiesen haben.

Checklisten für Ihr Arztgespräch

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Letzte Änderung: 14. Juni 2017   Seite drucken